Piezochirurgie: vereinfachte Extraktion impaktierter Weisheitszähne
Erstpublikation in Dental Tribune Latin America
Die Extraktion der dritten Molaren zählt zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen in der Zahnmedizin. Eine umfassende präoperative klinische und radiologische Befunderhebung ist unerlässlich, um einen optimalen Behandlungsplan zu erstellen und das Risiko postoperativer Komplikationen zu minimieren.1
Die Komplexität der Extraktion dritter Molaren variiert in Abhängigkeit von Lage, Tiefe, Angulation und der umgebenden Knochendichte.2 Einer der kritischsten Schritte bei der Extraktion ist die Osteotomie, die sowohl vor als auch während des chirurgischen Zugangs zum Zahn durchgeführt wird. Dabei kommen verschiedene Instrumente zum Einsatz, wie z. B. chirurgische Hammer und Osteotome, rotierendes Instrumentarium oder piezochirurgische Instrumente.3
Diese Verfahren sind häufig stark invasiv und bergen ein erhöhtes Risiko für Verletzungen von Weich- und Hartgewebe, was wiederum eine starke Entzündungsreaktion zur Folge haben kann. Postoperative Beschwerden wie Schmerzen, Schwellungen oder eine eingeschränkte Mundöffnung infolge muskulärer Verspannungen durch die intraoperative Manipulation der Kiefer treten ebenfalls häufig auf.4
Vor der Entfernung der Weisheitszähne muss eine umfassende Beurteilung erfolgen, die eine präzise Diagnose, klare Indikationen, Kontraindikationen und die mit der gewählten Technik verbundenen Risiken umfasst.5,6
Die Hauptindikation für die Extraktion von Weisheitszähnen ist das Vorliegen einer pathologischen Veränderung des betreffenden Zahns – z. B. nicht therapierbare Karies, Frakturen, Zysten, Tumore oder therapieresistente Perikoronitiden. Darüber hinaus kann eine Entfernung auch bei Läsionen angrenzender Zähne indiziert sein, wie z. B. bei approximaler Karies, Wurzelresorptionen oder aktiver Parodontitis. In bestimmten Fällen wird die Extraktion zudem empfohlen, wenn der Zahn eine geplante kieferorthopädische, prothetische oder komplexe-chirurgische Versorgung behindert.7
Zur Durchführung der Extraktion eines Weisheitszahns müssen nach gesicherter Diagnose mehrere Faktoren berücksichtigt werden:
- Zahnposition (vertikal, mesioangular, distoangular, horizontal oder andere)
- Retentionsgrad
- Vorhandensein eines Zugangshindernisses durch den zweiten Molar
- Wurzelanatomie (die Krümmung der Wurzeln bestimmt den Extraktionsweg)
- Nähe zum Nervus alveolaris inferior
- Begleitende Pathologien
- Knochenqualität
- Integrität des benachbarten zweiten Molaren
Rotierende Hand- und Winkelstücke werden üblicherweise zur Entfernung von Hartgewebe bei teilretinierten oder vollständig impaktierten Weisheitszähnen eingesetzt. Studien zeigen, dass der Einsatz von rotierenden Instrumenten unregelmäßige Oberflächen erzeugt und aufgrund der während der Osteotomie entstehenden hohen Temperaturen zu marginaler Osteonekrose führen kann.8
Im Gegensatz dazu ermöglichen piezoelektrische Instrumente, Schnitte mit mikrometrischer Präzision, die nur minimal Knochenoberfläche abträgt und somit das Risiko einer thermischen Schädigung im Vergleich zu konventionellen rotierenden Instrumenten deutlich reduziert.9 Die Mikrobewegungen verbessern die Schnittgenauigkeit und die taktile Kontrolle und eliminieren die starken Vibrationen, die bei rotierenden Instrumenten auftreten.10
Die Oszillationsamplitude liegt dabei horizontal bei 60–200 μm und vertikal bei 20–60 μm, was deutlich geringer ist als bei oszillierenden Mikrosägen. Dadurch werden präzise und gewebeschonende Osteotomieschnitte ermöglicht. Zusätzlich erzeugt das Gerät ultraschallbasierte Vibrationen, die das Irrigationsmedium in sehr feine Partikel zerlegen (Kavitationseffekt). Das bewirkt eine hämostatische Wirkung und reduziert dadurch den Blutverlust, was eine ungestörte Sicht auf das Operationsfeld gewährleistet.11,12
Jian Q. et al.13 berichten, dass Eingriffe mit piezochirurgischer Technik zwar längere Operationszeiten erfordern, jedoch postoperativ eine geringere Entzündungsreaktion zeigen. Dies legt nahe, dass die Piezochirurgie eine vielversprechende Alternative zur Entfernung impaktierter Weisheitszähne darstellt. Rullo et al.14 hingegen bringen die längeren Eingriffszeiten mit einem verstärkten postoperativen Schmerzempfinden in Zusammenhang – insbesondere aufgrund des langsameren, mikrometrischen Schneidvorgangs piezoelektrischer Systeme.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass postoperative Schmerzen nach der Weisheitszahnentfernung multifaktoriell bedingt sind, unter anderem durch das Ausmaß der Mukoperiostlappen-Hebung, Tabakkonsum, Mundhygiene, Alter, Angstniveau oder eine Vorgeschichte mit Perikoronitis.
Klinische Anwendungen
Für die Planung der Weisheitszahnentfernung ist die exakte dreidimensionale Lokalisation des Zahns entscheidend. Diese erfolgt klinisch und radiologisch, in der Regel mittels Panoramaschichtaufnahme und ergänzend durch digitale Volumentomographie (DVT) zur Beurteilung der Nachbarschaft zu anatomischen Risikostrukturen. So lassen sich die exakte Lage, der Retentionsgrad und die Nähe zu kritischen anatomischen Strukturen, insbesondere zum Nervus alveolaris inferior, bestimmen und iatrogene Verletzungen vermeiden (siehe Abb. 1).
Der Eingriff beginnt mit der Leitungsanästhesie zur Blockade des Nervus alveolaris inferior. Anschließend wird die Inzisionsführung entsprechend der Lage des zu entfernenden Molaren festgelegt. Zu didaktischen Zwecken wird im Folgenden das Vorgehen zur Entfernung des Molaren aus Abb. 1 (c) beschrieben:
Zunächst wird eine horizontale Inzision im Bereich der Retromolarregion bis distal des zweiten Molaren gesetzt. Anschließend folgt eine intrasulkuläre Schnittführung, die bis mesial des zweiten Molaren verläuft. Abschließend ergänzt eine vertikale Entlastungsinzision in voller Dicke die Schnittführung bis zur mukogingivalen Linie (siehe Abb. 2).
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