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Piezochirurgie – ein breites Anwendungsspektrum in der oralen Chirurgie

by Christian Kurz

* Erstpublikation in PIP 5/2018, Seite 90-91


Im Zeitalter der minimalinvasiven Therapie finden bei chirurgisch tätigen Zahnärzten, Oral- und Kieferchirurgen zur Präparation von Knochengewebe zunehmend piezoelektrische Geräte Verwendung. Sie ermöglichen eine besonders schonende Art der Hartgewebspräparation, basierend auf der Technik der Ultraschallchirurgie und durch den Kavitationseffekt ein nahezu blutfreies OP-Feld.

Mit Vorurteilen aufräumen

Galt die Anwendung der Piezochirurgie in der Vergangenheit noch als langsames Verfahren, ist die Leistung der neuesten Gerätegeneration deutlich höher und die Schneid- bzw. Abtragungsleistung deutlich verbessert.

Der besondere Vorteil der Piezochirurgie in der Zahnmedizin ist die selektive Wirksamkeit für Hartgewebe wie Knochen und Zähne: Während das umliegende Weichgewebe die Schwingung der zumeist metallischen Instrumente aufnimmt und „mitschwingt“, werden kalzifizierte Gewebe selektiv abgetragen und auf diesem Wege eine knochensensitive Präparation ermöglicht. Hierdurch ergeben sich deutliche Vorteile in unterschiedlichen Indikationen, bei denen eine schonende Knochenpräparation in unmittelbarer Nachbarschaft zu wichtigen Weichgewebe-Strukturen wie beispielsweise Nerven, Zahnfleisch oder aber auch der Kieferhöhlenschleimhaut erfolgen soll. Dank sehr dünner Sägen von nur 0,25 mm Stärke lassen sich Osteotomien sehr präzise und ohne großen Knochenverlust durchführen.

Indikation Alveolenmanagement

Eine oft unterschätzte Anwendung ist die schonende Extraktion von Zahnwurzeln oder auch von Wurzelfragmenten im Rahmen des Alveolenmanagements. Mit den feinen Periotomen, die aktuell in zwei Ausführungen (EX1 und EX2 von W&H) zur Verfügung stehen, lassen sich auch speziell endodontologisch vorbehandelte Zähne oder ankylosierte Wurzeln mühelos entfernen. Das Ergebnis sind Extraktionsalveolen, deren Hart- und Weichgewebe völlig intakt sind, da in der Regel auf ein Aufklappen verzichtet werden kann. Dies stellt anschließend eine optimale Basis für eine spätere oder Sofortversorgung mit Implantaten dar (Abbildung eins und zwei mit freundlicher Genehmigung von Dr. Torsten Conrad, Bingen a. Rhein).

Feines Periotome (Instrument EX1)
Abb. 1: Feines Periotome (Instrument EX1). Foto: © Dr. Torsten Conrad (Bingen a. Rhein)
Zustand nach Extraktion mit Piezochirurgie
Abb. 2: Zustand nach Extraktion mit Piezochirurgie. Foto: © Dr. Torsten Conrad (Bingen am Rhein)

Indikation Interner Sinuslift

W&H bietet auch die perfekte Lösung für den internen Sinuslift an Nach der Kieferhöhlenpräparation mit dem
entsprechenden Instrumentarium (Abb. 3) erfolgt mit dem neuen Instrument Z35P (Abb. 4) die hydrodynamische Abhebung der Membran. Mit dem gleichen Instrumentenset kann auch die Implantatbett-Aufbereitung piezochirurgisch in aufsteigenden Durchmessern erfolgen (Abbildung drei und vier mit freundlicher Genehmigung von Dr. Mario Kirste, Frankfurt/Oder).

Reduktion des Morbiditätsrisikos

Eine wichtige Eigenschaft, welche den Einsatz der Piezotechnologie indiziert, ist die Möglichkeit einer instrumentengeführten Umlenkung der Präparationsschwingung. Die retrograde Präparation kann sehr grazil durch eine Umlenkung der Schwingungsenergie innerhalb des Instruments erfolgen. Die hierdurch verringerte hart- und weichgewebliche Präparation ermöglicht die Verwendung kleinerer Zugänge und reduziert auf diesem Wege die perioperative Morbidität wurzelspitzenresezierter Patienten.

Erkennung der Instrumente

Bei der Entwicklung des neuartigen Piezomed-Gerätes aus dem Hause W&H wurden hinsichtlich der Instrumente – aber auch der generellen Übertragungsenergie – wesentliche Fortschritte zu herkömmlichen Leistungsparametern erzielt. Zur besseren Handhabbarkeit wurde das System um eine automatische Instrumenten-Erkennung erweitert, welche die für das jeweilige Instrument ideale Einstellung definiert. Eine optimale Ausleuchtung des OP-Gebietes wird bei Piezomed durch einen hellen in das Handstück integrierten LED-Ring unterstützt – hierdurch wird eine gute Übersicht auch in den posterioren Kieferarealen eines jeden OP-Bereichs erreicht.

Implantatbettaufbereitung mit Instrument I4P
Abb. 3: Implantatbettaufbereitung mit Instrument I4P. Foto: © Dr. Mario Kirste (Frankfurt / Oder)
Präparation des Kieferhöhlenbodens und zum Anheben der Schneider'schen Membran mittels Kühlmedium (Instrument Z35P)
Abb. 4: Präparation des Kieferhöhlenbodens und zum Anheben der Schneider'schen Membran mittels Kühlmedium (Instrument Z35P). Foto: © Dr. Mario Kirste (Frankfurt / Oder)

Zusammenfassung

Man kann festhalten, dass die heutige Piezomed Generation eine absolute Alternative zu konventionellen rotierenden Instrumenten darstellt, mit einem Höchstmaß an Schutz und Erhalt der angrenzenden Weichgewebe. Die absoluten Indikationen sind:


  • Osteotomien im Hartgewebe im krestalen und horizontalen Bereich
  • Vorbereitung für Bone spreading/splitting
  • Heben von retromolaren Knochenblöcken
  • Gewinnung von Eigenknochen mit speziellen Scrapern
  • Sinuslift mit lateralem Fenster
  • Interner Sinuslift über den transkrestalen Zugang und ein hydrodynamisches Verfahren
  • Implantatbett-Aufbereitung im anterioren und posterioren Bereich
  • Schonende Extraktion von Zahnwurzeln und Fragmenten
  • Operatives parodontales Debridement
  • Sterile retrograde endodontische Eingriffe

Piezomed Chirurgiegeräte
Piezomed Chirurgiegeräte